Winterpaddeln
Eispaddeln – Ein eisreicher Winter
Ja, dieser Winter bescherte uns schon einige gute Fröste
(2002/2003). Schon mehrfach gab es eine Eisdecke auf der Kieler
Förde. Da ist es jedesmal eine besondere Herausforderung,
Paddeln zu gehen.
Der erste Frost, Mitte Dezember. Die Eisschicht
wächst und wächst, die Hörn ist schon ein gutes
Stück zugefroren. Es ist Freitag der Dreizehnte und endlich
haben wir, nach all den trüben, windigen Tagen, sonniges
und stilles Wetter. Da hielt mich nichts mehr, auf zum Bootshaus,
um eine winterliche Paddeltour zu unternehmen. Einen kleinen Dämpfer
gab mir der Blick auf die Meteorologische Station am Institut
für Meereskunde: Lufttemperatur –3 °C und Wassertemperatur
2,4 °C, aber Luftdruck steigend und Windstärke 1-2 Bf.
Warum also nicht?
Also, schnell das Kajak startklar gemacht und mich warm eingepackt,
Paddelpfötchen nicht vergessen. Zuerst ging’s
Richtung Hörn, vorbei an der winterfest eingedeckten Hansekogge
und entlang dem Langelandkai. Aber auf Höhe der Skandinavienfähren
war Schluss, denn bis dorthin reichte die Vereisung inzwischen.
Die Eisdecke war hier zu Bruch zerstückelt, aber schon waren
die einzelnen Schollen wieder mit klarem, dünneren Eis verbunden.
Die Wunden, von durchquerenden Schiffen zugefügt, heilen
schnell.
Meine bisherigen wassersportlichen Erfahrungen mit festem Wasser
beschränkten sich auf das weiträumige Umfahren von einzelnen
Spät-Eisschollen im Frühjahr. So sass
ich recht aufgeregt im Paddelboot, das nicht eisbrecherverstärkt
ist, an der Eiskante und probierte vorsichtig aus, was man alles
anstellen kann:
- Rauffahren auf die Eisdecke und einbrechen (knirscht unangenehm
am Rumpf).
- Paddel mit der Schmalkante durchstossen und das Boot vorwärtstreiben.
Allzu weit bin ich allerdings nicht in das Eismeer
vorgestossen, denn es ist ein beängstigendes Gefühl,
wenn das Paddel mal nicht das Eis durchsticht, sondern auf der
Oberfläche abgleitet. Der Schwung des angesetzten Paddelschlags
kann den Paddler arg aus dem Gleichgewicht bringen. Ausserdem
wollte ich ungerne steckenbleiben und von der Feuerwehr wie ein
festgefrorener Schwan gerettet werden müssen.

Teppich aus zugerundeten, mürben
Eisschollen, Blick vom Hindenburgufer
nach Kitzeberg |

Dünnes Eis in der Innenförde
an der Schwedenfähre |
Ein paar Fotos jedoch wollte ich noch machen, als Beweis, aber
die Batterien der Kamera versagten in der Kälte recht schnell.
Tja, und bei dem Versuch zu wenden stellte ich fest, dass Eis
ganz schön widerspenstig sein kann. Darum bin ich in einem
grossen Bogen gefahren, immer auf der Hut, nicht abzurutschen.
Herrlich, wieder flüssiges Wasser um sich zu haben. Ein kurzer
Blick zurück zeigte, dass meine „Eisbrecher“-Spur
recht eigenwillig aussah.
Weiter ging die Reise entlang des Ostufers in Richtung Kitzeberg.
Die Sonne schien, und mit fast Flaute wurde es richtig gemütlich
warm. Nach einer Weile bemerkte ich, wie auf der Schattenseite
des Bootes die Spritzwassertropfen gefroren. Nicht lange, dann
war die Oberfläche völlig eisverkrustet. Von den Paddelpfötchen
und den Tropfringen am Paddel hingen kleine Eiszapfen
herunter und auch die Rinne um die vordere Luke war vereist. Mein
Boot kam mir vor wie ein Expeditionsschiff auf dem Weg nach Spitzbergen,
das regelmässig von seinem Eispanzer freigeschlagen
werden muss, damit es nicht kopflastig wird.
In Mönkeberg gab es einen heissen Tee und ein paar Knabbereien
zur Stärkung für den Heimweg. Die Luft war wunderbar
klar und rein, alles war still und ruhig. Es gab kaum Schiffverkehr,
nur die Schwentine-Fähre pendelte hin und her und ein Militärschiff
fuhr in den Marinehafen. Die Förde, in fahles Winterlicht
getaucht, strahlte eine phantastische Atmosphäre aus.
Eisteppiche aus der Nähe betrachtet sind faszinierende Gebilde.
Unser hiesiges Ostseeeis, das stark von Wind
und Wellenwirkung geprägt ist, ist viel formenreicher als
das Süsswassereis kleiner Seen.

gestrandete Eisschollen
am Hindenburgufer |
- Einzelne Schollen aus dickerem, trüben Eis sind
rundgeschliffen von dem konstanten Scheuern der Ränder
aneinander in der Wellenbewegung.
- Auch können die Ränder wulstartig verdickt
sein durch das abgerubbelte und aufgeschichtete Eis“püree“.
- Andere Schollen haben eine eher kantige Form mit zackigen
Rändern, wie zum Beispiel Trümmerschollen nach
der Durchfahrt eines Schiffes.
- Manche Schollen haben einen Saum aus klaren Eisnadeln,
die radialstrahlig um die alten Schollen herumwachsen.
Dies ist in eher ruhigen, unbewegten Eisfeldern zu finden.
- Zwischen den Schollen bildet sich dann oft zuerst eine
Art Eisnadelsuppe, die immer dichter wird und letztendlich
zu einer soliden Eisschicht verwächst. Diese Eisart
erinnert von ihrer Struktur an Kartoffelpuffer.
- Wieder andere Eigenarten zeigen zusammenhängende
Eisdecken, die zum Beispiel von Aufwölbungen mit
ca. 30 cm Durchmesser durchbrochen werden (vermutlich
wurde das Eis durch Luft, die darunter gefangen ist, aufgebogen);
- oder ungleichmässig gewundene, in etwa parall angeordnete
„Streifen“. Diese entstehen, wenn die Eisdecke
an Priggen und Pfosten vorbei treibt.
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All die vielen verschiedenen Eisformen und Mischzustände
zwischen „fest“ und „flüssig“, die
vorkommen aber keine Namen tragen, zeigen uns hier ein Manko an
Ausdrucksmöglichkeiten. Völker der Eisregion
haben da einen viel reicheren Wortschatz, aber sie haben es ja
mehr und öfter mit eisigem Eis zu tun. Auch würde dort
keiner verwundert einen Paddler im Winter angucken. Aber als ich,
mollig warm, wieder am Steg anlegte, schauten einige Spaziergänger
verdutzt drein – warum bloss?